Holy week 2019 in Apulia region
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Die Geschichte

 

Der stark theatralische und szenische Charakter tritt bei einigen paraliturgischer Veranstaltungen der Fastenzeit und der Karwoche in Apulien deutlich hervor. Man denke nur an die zahlreichen Prozessionen “des Zusammentreffens” die in vielen Orten der Region und besonders der Capitanata stattfinden. In San Severo folgen die beiden Prozessionen der Madonna und des gegeißelten Christus verschiedenen Wegen, um sich bei Morgengrauen des Karfreitags dann auf dem Hauptplatz zu streifen. Die Jungfrau erkennt ihren Sohn, kann ihn aber nicht umarmen, da der barfüßige Kreuzträger das große Kreuz erhebt, um das Zusammentreffen zu verhindern. Damit wird die Unabwendbarkeit der göttlichen Vorsehung hervorgehoben und die Dramatik der Szene erhöht.

In BISCEGLIE erfolgt das Zusammentreffen vor dem Denkmal der Passion auf dem Hauptplatz . Die Jungfrau, das wunderschöne junge Gesicht umrahmt von echtem Haar, dem Geschenk einer jungen Frau, neigt sich hinab, um mit den Lippen die gemarterte Stirn ihres unter dem Gewicht des schweren Kreuzes gebeugten Sohnes zu streifen. Das ist der Augenblick des „Kusses“, der ewig zu dauern scheint, begleitet von Klagelauten und dem bewegtem Applaus tausender Gläubiger, die der Szene beiwohnen. An den dramatischen Prozessionen nehmen auch oft lebende Darsteller teil, wie zum Beispiel in Roseto Valfortore, wo auf den Straßen und Plätzen der kleinen Stadt am Subappennin die gesamte Passion Christi dargestellt wird. Es nehmen daran die Statuen des Christus und der Jungfrau sowie lebende Darsteller teil (Veronika, der tröstende Engel, die Judäer, die römischen Soldaten zu Fuß und zu Pferd, Simone di Cyrene und andere), die bei bestimmten Szenen gemäß einer mündlich überlieferten Textvorgabe “auftreten” und “abtreten”. Die Prozession endet mit dem Auszug der Schmerzensmutter, gefolgt vom Sarg ihres Sohnes, umgeben von kleinen Kindern in Engelskostümen.

Am anderen Ende Apuliens, in Martano erinnert die Prozession, die von lebenden Bildern angeführt wird, auf die die Statuen des toten Christus und der Schmerzensmutter folgen, an den Einzug Jesu in Jerusalem. Eine große Anzahl Figuranten nimmt auch an der feierlichen Karfreitagsprozession in MAGLIE teil, deren Abschluss die Statuen des toten Christus und der trauernden Madonna bilden, die im Heiligtum der Schmerzensmutter verehrt wird. Die Gesten, Symbole, Orte und Rituale ziehen sich grundlegend durch alle Feierlichkeiten der Karwoche in der Provinz Brindisi. Es sind nicht immer die Bruderschaften, die die paraliturgischen Veranstaltungen organisieren und beleben, wie die „ Settenari” und „Tridui”, die Gebets- und Bußtreffen und Wallfahrten, als Vorbereitung auf die Höhepunkte der Karwoche, dem Besuch der „Sepolcri” (Altäre der Grablegung) und den feierlichen Prozessionen. Aber auch in diesen Ortschaften spielen die sehr verbreiteten Bruderschaften unter der Schirmherrschaft der Madonna del Carmine eine wichtige Rolle.

Ihnen kommt, wie zum Beispiel im Raum Lecce und Tarent , das antike Privileg zu, das in der bruderschaftlichen Satzung feierlich festgehalten ist und bei zivilen und kirchlichen Rechtsstreiten oft zitiert wird und sich auf die Bußprozession und die “Wache” an den „Sepolcri” bezieht. Die Brüder in ihren traditionellen Roben, mit breitkrempigem Hut, brauner oder schwarzer „Pazienza” mit der Aufschrift “ DECOR CARMELI”, das Haupt von einer Kapuze vermummt, den Rosenkranz am Gürtel, einen Stab in der Hand schreiten langsamen Schrittes barfüßig und paarweise in absoluter Stille durch die respektvoll schweigende Menge, die sich vor ihnen öffnet, um in der Kirche das ausgesetzte Allerheiligste Sakrament anzubeten. Ihr Schritt, Schulter an Schulter, die sogenannte „Nazzicata”, ist irritierend langsam. Beim Zusammentreffen der Büßerpaare kommt es zum rituellen Gruß mit Verbeugungen und Gesten, den man in Manduria „Salamlicc” nennt. Die Büßer werden „Pappamusci”, „Bubli bubli”, „Perdoni” oder „Mai” genannt. Sehr eindrucksvoll sind auch die Osterriten in FRANCAVILLA FONTANA: die Prozession der Addolorata (Schmerzensmutter) am Palmfreitag; der Besuch der „Sepolcri” den die vermummten Bußbrüder paarweise abstatten, um dann gemeinsam ihrer „Schmerzensmutter” zu folgen; die abendliche Prozession der Mysterien, an der zahlreiche „Pappamusci cu li trai“ teilnehmen, barfüßige und vermummte Büßer, die sich unter dem Gewicht riesiger Holzkreuze aus roh gezimmerten Holzbalken (li trai) dahinschleppen.

Auch die „Prozession der Ketten”, die in TROIA abgehalten wird, weist noch starke büßerische Akzente auf: Fünf Büßer mit verhülltem Gesicht tragen zur Anbetung der „Sepolcri” ein schweres Kreuz, wobei ihre nackten Füße mit Eisen und Ketten gefesselt sind, deren schleifende Geräusche die Faszination des Rituals noch erhöhen.

Die “Via Crauci” von NOICATTARO und Triggiano, mit ihren schwarzen Kutten und der Dornenkrone auf dem Haupt folgen barfüßig den heiligen Symbolen mit einem schweren Kreuz auf den Schultern und den Ketten der “Disciplina” an den Fesseln, mit denen sie sich vor einigen Jahrzehnten während der Prozession noch geißelten. Bußinstrumente und “Discipline” werden auch bei den Prozessionen in Gioia del Colle und Valenzano noch mitgetragen. Von besonders spektakulären und gleichzeitig büßerischen Merkmalen sind auch die Prozessionen in TARENT gekennzeichnet, die zum Symbol der apulischen Osterriten wurden. Der Wettstreit, der am Palmsonntag um den Zuschlag der Passionssymbole und der Statuen entbrennt, wird bei den beiden Prozessionen, die zwei Tage lang die “Stadt der zwei Meere” lahmlegen, wieder beigelegt. Die erste Prozession beginnt um Mitternacht des Gründonnerstags, wenn die Statue der “Addolorata (Schmerzensmutter)” mit dem von einem Dolch durchbohrten Herzen in der Hand, die steilen Stufen der barocken Kirche des San Domenico in der Altstadt heruntergetragen wird.
Die Prozession der Mysterien beginnt am Nachmittag des Karfreitags bei der Kirche “del Carmine” und endet bei Sonnenaufgang des Karsamstags. Zwischen den Statuen schreiten Büßerpaare, die sogenannten “Perdoni” langsamen Schrittes und führen dabei mittelalterliche Trauerrituale aus. Die parossistische „Nazzecata” – ähnlich der sizilianischen „Annaccata” – stellt eine Art zeitlichen Schwebezustand dar, wobei mit der Verlangsamung der Bewegungen und der Gesten auch die Trauer über den Tod des Menschensohnes zum Ausdruck gebracht wird.

Der „Trauerschritt” folgt dem rhythmischen Klappern und Schnarren der Ratschen mit metallenen Federblättern (die das antike Römische Ritual vorsieht) und den berührenden Trauermärschen, die den musikalischen Hintergrund bilden. Ähnliche Merkmale weist auch die Prozession in Mottola auf, die am frühen Morgen des Karsamstags bei der Kirche “del Carmine” beginnt und am frühen Nachmittag endet. Zu den antiken und schönen Statuen des Künstlers Maccagnani kamen jüngst die Statuen der Pietà und der Engel hinzu, die die Passionssymbole tragen.

Die Teilnahme der barfüßigen Kapuzenmänner an den Prozessionen von Mottola, TARANTO, ANDRIA, TRANI, TROIA, Triggiano, NOICATTARO und zahlreichen anderen apulischen Orten erinnert an eine weit zurückliegende Kultur von Schuld und Sühne und die Rituale der Selbstzüchtigung , deren Vertreter im 13. Jahrhundert die Bewegungen der Flagellanten und „Disciplinati“ waren, drücken eine andere Religionskultur aus, nämlich jene der Gegenreform. Heutzutage finden diese blutigen Rituale, die vor nicht allzu langer Zeit auch hier noch sehr verbreitet waren und in anderen Gegenden (Nocera Terinese oder Guardia Sanframondi) noch verbreitet sind, nicht mehr statt.

Überall gibt es hingegen die feierlichen Prozessionen der Mysterien, an denen die Vertreter der Stadtregierung mit ihren Symbolen und Trauerflor teilnehmen, um die Trauer der Gemeinschaft über den Tod Jesu auszudrücken.

Die Prozession der Mysterien erinnert im Lemma an einen mittelalterlichen Ausdruck, der Heilige Messen bezeichnete, bei denen Szenen aus dem Leben Christi, der Jungfrau und der Heiligen in den Kirchen und auf den Vorplätzen oder in den Oratorien der Bruderschaften zur Unterhaltung des Volkes aufgeführt wurden.

Wirklich eindrucksvoll ist auf Grund der Anzahl der Simulakren die Prozession der Mysterien am Karfreitagmorgen in Valenzano, einer kleinen Stadt an den Toren von Bari. Sie setzt sich aus zirka vierzig Statuengruppen zusammen, die sich alle im Privatbesitz befinden. Einige davon haben eine beachtliche Gr öße und stellen komplexe Szenen des Kreuzwegs und des Todes Jesu dar. Die Prozession endet auf dem Hauptplatz, mit der „großen Predigt” und der Übergabe des Kreuzes in die Arme der Schmerzensmutter.
Barocke und büßerische Elemente kennzeichnen die Riten im Raum Bari. Die Prozession der Mysterien in Bari wird - auf Grund der starken Konkurrenz zwischen den Bruderschaften, die oft in Unruhen ausartete, denen Erzbischof Clary 1825 durch einen Erlass einen Riegel vorschob - abwechselnd von den Angehörigen der Kirchen „San Gregorio” und „della Vallisa” organisiert. Bemerkenswert ist auch die Karfreitagsprozession in BITONTO. Vertreter der verschiedenen Bruderschaften ziehen mit den Statuen des toten Christus in seiner spanisch anmutenden goldverzierten “Naca” (Wiege) und der Madonna Addolorata (Schmerzensmutter) inmitten eines Kerzenmeeres, der Kopie des Heiligen Grabtuches aus dem 17. Jahrhundert und der Blumentrophäe in Form eines kleinen Tempels mit dem wertvollen Reliquienkreuz, welches des „Heilige Holz“ enthält, durch die vom Schein der Kohlebecken schwach erleuchteten Straßen.

In MOLFETTA haben die ältesten Bruderschaften, nämlich die Bruderschaft „della Morte” oder „del sacco nero” und die Bruderschaft des „Santo Stefano” oder „del sacco rosso”, die wichtigsten Funktionen inne. Erstere organisiert die Prozessionen der Addolorata (am Palmfreitag) und der Pietà (am Karsamstag) und letztere die antike Prozession der Mysterien, welche fünf Statuen umfasst, die zu den schönsten Apuliens gehören. Sie sind ganz mit Blattgold überzogen und stammen von einem bekannten neapolitanischen Künstler aus dem frühen 17. Jahrhundert.

Unter den Prozessionen der Addolorata sind auch jene von Canosa am Palmfreitag und am Karsamstag zu erwähnen, die auch Prozession der „Desolata“ genannt wird, da die Madonna zu Füßen des Kreuzes sitzt und von einem Engel getröstet wird. Der Statue der Desolata folgen „in einer Kette“ hunderte schwarz gekleidete und verschleierte Frauen und Mädchen, die laut klagend die Hymne der Desolata singen, welche vom Schmerz Mariens über den Tod ihres Sohnes handelt. Der Gesang der Mitglieder der Bruderschaften begleitet die verschiedenen Statuen der Madonna , die am Morgen des Karfreitags, jede für sich und am Abend alle zusammen, durch die Straßen von Vico del Gargano ziehen. Von der Zeremonie her einzigartig ist hingegen die Karfreitagsprozession in S. MARCO IN LAMIS: Die Trauer tragende Madonna wird von großen brennenden Holzkegeln, den sogenannten “Fracchie” durch die Straßen geleitet, die ihren Weg mit düsterem Licht erhellen und die Gläubigen in ihren beißenden Rauch hüllen. Dieses Ereignis, das viele Schaulustige und Touristen anzieht, verwandelt den kleinen Ort am Gargano in eine Art dantischen Höllenkreis. Oft verleihen bedeutende Reliquien den Prozessionen höhere Sakralität. In BITONTO, RUVO DI PUGLIA, Mola, Rutigliano, Terlizzi, MOLFETTA, TRANI, Trinitapoli werden zahlreiche edelsteinbesetzte wertvolle Staurotheken zur öffentlichen Verehrung ausgesetzt oder vom Klerus unter dem Ehrenschutz der Carabinieri in Paradeuniform bei den Prozessionen mitgetragen. Nach alter Tradition wird angenommen, dass der große Holzsplitter des Heiligen Kreuzes, das sogenannte “Santo Legno” von Barletta direkt aus Jerusalem hergebracht wurde.

In Giovinazzo wird die sogenannte “Blumentrophäe”, die in ihrem Inneren zwei „ Sante Spine“ (heilige Dornen) birgt, eingehüllt in Weihrauch, in einer Prozession durch die Stadt getragen. Besonders verehrt wird der “ Heilige Dorn (Santa Spina)” von ANDRIA. Zu bestimmten Anlässen erneuert sich an ihm das Wunder der “Rötung des Blutes”.

Mit echtem religiösen Sinn, jedoch ohne den touristischen Aspekt außer Acht zu lassen, werden in vielen apulischen Städten Aufführungen mit Figuranten in historischen Kostümen abgehalten. Einige davon sind besonders eindrucksvoll, da sie in der Altstadt (RUVO DI PUGLIA, Corato, Conversano) oder in einer landschaftlich besonders reizvollen Umgebung stattfinden. In Ginosa findet die “Sacra Rappresentazione” in der berühmten “Gravina” (Felsenschlucht) statt, die mit ihren Felsklüften, Schluchten, Grotten und der mediterranen Vegetation an die Landschaften des mittleren Orients erinnert. Sie ist ein Evangelium der Armen, das sich inhaltlich an die Heilige Schrift hält und durch Gestik und Mimik leichter verständlich gemacht wird.

In den griechisch (grìca-)sprachigen Gebieten der GRECÌA SALENTINAhat man immer seltener die Gelegenheit, die traditionellen Passionslieder „I passiùna tu Cristù ” in „grìco” (griechischer Sprache ) zu hören, die von den Leiden Jesu und dem Schmerz der Madonna erzählen. Die Sänger, mit einem großen Zweig in der Hand, der mit Bändern, Feldblumen und Heiligenbildchen geschmückt ist, ziehen durch die Höfe und Straßen der Gemeinde, während sie die 66 Strophen singen und abschließend um eine kleine Dankesgabe bitten.

 

Dr. Francesco Di Palo
Author of
Autor von Studien und Forschungen
über sozioreligiöse Kunst und Geschichte in Apulien

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